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Katholisches Bildungs- und Tagungshaus des Bistums Dresden-Meißen


"Zwischen den Zeiten" - Kriminalpräventive Pilgerprojekte für junge Menschen

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(Foto: Sven Enger/Sächsische Jugendstiftung)

Das Projekt "Zwischen den Zeiten"

"Zwischen den Zeiten" begann 2013 mit einer Kooperation zwischen der Sächsischen Jugendstiftung in Dresden und dem Bischof-Benno-Haus und entwickelte sich über die Jahre weiter. Das Programm unterstützt junge Menschen bei der Ich-Werdung und bei der Persönlichkeitsbildung, es befähigt die Teilnehmenden, Selbstreflexion zu entwickeln und auf das eigene Leben anwendbare Handlungskonzepte zu finden.

Das Pilgern, eigentlich eine jahrhundertealte Tradition gelebter religiöser Praxis, wird hier als sozialpädagogische Methode angewendet. Auf dem Weg entlang der alten Handelsstraße VIA REGIA laufen die jungen Menschen quer durch Sachsen etwa 80 Kilometer und werden durch die Monotonie des Gehens angeregt, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Begleitet und angeleitet durch Pädagogen finden auf dem Weg verschiedene soziale Trainings- und Arbeitseinheiten statt, insbesondere bei Gruppen, die aufgrund einer Jugendstraftat zur Ableistung gemeinnützer Arbeit verurteilt worden sind.

Einen wesentlichen Stellenwert bildet der Begegnungsaspekt des Pilgerns: So kommen die jungen Menschen hierüber in einen völlig neuen Kontext - ein kirchliches Bildungshaus - und begegnen hier konkreten Menschen, die sie aufnehmen und wertschätzen. Auch andere Gäste und Besucher des Hauses kommen in Kontakt mit den Pilgergruppen und nehmen so eine Wirklichkeit wahr, die in ihrem Lebenskontext eher selten eine Rolle spielt oder nie begegnet.

Laufen? Wandern? - Pilgern!

Kann aber überhaupt vom Pilgern gesprochen werden, wenn doch kein ausdrücklicher religiös-spiritueller Bezug gegeben zu sein scheint? Müsste hier nicht eher vom Wandern oder Laufen die Rede sein?

Der Begriff "pilgern" (oder veraltet: wallfahren) kann kurz beschrieben werden als eine Tradition, durch die der Mensch unterwegs ist zu einem heiligen Ziel wie einem Kloster oder der Verehrungsstätte eines Heiligen. Was er jedoch dabei als Ritual vollzieht, ist letztlich die Relexion seiner selbst und seines Lebens vor Gott. Das Ritual des Pilgerns wird zum Abbild der Situation des Menschen, der nach dem Grund seiner Existenz fragt ebenso wie nach dem Ziel; der sich im Leben also als 'pilgernd‘ vor Gott erfährt. Der Begriff "Pilgerstand" meint in der Theologie genau jene unabgeschlossene, schwebende und unverfügbare Situation des Menschen, in der er sich mit sich selbst vor Gott vorfindet. Pilgern ist also, verkürzt gesagt, letztlich ein ritualisierter Reflexionsprozess, ein intensives Begegnungsgeschehen.

Wenn Hape Kerkeling in seinem Bestseller "Ich bin dann mal weg" auf der ersten Seite schreibt "Der Weg stellt jedem nur eine Frage: ‚Wer bist du?’", so ist damit genau dieser - hier freilich zunächst nur auf ihn selbst als Mensch bezogene - Begegnungs- und Reflexionsprozess gemeint, durch den der Mensch sich mit sich selbst auseinandersetzt. Selbstbegegnung wiederum vollzieht sich wesentlich in der Begegnung mit dem Anderen, dem Fremden, der Irritation - wie sie beim Pilgern als sozialpädagogische Methode auch durch die radikale Kontextänderung geschieht, denen die Teilnehmenden ausgesetzt werden.

Diese knappe Beschreibung soll genügen, um zu zeigen, dass es beim traditionell-religiösen Pilgern wie auch beim Pilgern als sozialpädagogische Methode in erster Linie um Reflexionsprozesse geht. Das monotone Gehen, die 'lang-weilige' (Grenz)erfahrung und die körperliche Anstrengung können diese Prozesse unterstützen und zielen auf sie hin, und sie sind es letztlich, welche die Differenz bilden, um vom reinen 'Laufen' oder 'Wandern‘ zu sprechen.

Zielgruppe

Zu Beginn des Projekt waren insbesondere Menschen im Blick, die aufgrund einer Jugendstraftat zur Ableistung gemeinnütziger Arbeitsstunden verurteilt worden waren. Sie erhielten über das Programm "Zwischen den Zeiten" die Möglichkeit, diese innerhalb eines mobilen Trainingskurses abzuleisten. Im Laufe der Zeit erweiterte sich die Zielgruppe auf junge Menschen, die in verschiedenen Lebenskontexten stehen und in einer Orientierungs- und Suchphase sind. So ist das Projekt ebenso für Auszubildende, junge Menschen in sozialen Freiwilligendienste, Arbeitssuchende (U 25) und Schulabgänger interessant.

Ein beispielhafter Ablauf des Weges

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(Grafik: Sächsische Jugenstiftung)

Montag
  • Übernahme der Gruppe an einem zentralen Punkt
  • Belehrungen/Verständigung über Regeln & Sanktionen
  • ca. 20 km Wegstrecke
  • abends Befragungsrunde/Bildungseinheit „Lebensmaxime“

“Beim vereinbarten Zeit-/Treffpunkt dachte ich mir, dass sehr komische Leute anwesend sind. Und als der Herr E. anfing mit uns zu sprechen, hatte ich das Gefühl, er wäre Bundeswehrausbilder. Ich wollte gar nicht teilnehmen, da ich meine Verlobte schon in BZ wahnsinnig vermisste. Obwohl so viel laufen ungewohnt war, hat die Landschaft und das Lob meiner Einzigen mich stark angetrieben.“

Dienstag
  • Ableistung der Arbeitsstunden in Form körperlicher Arbeit (handwerkliche Tätigkeiten: über Hausarbeit, Reparaturen, Sanierung, Garten-/Waldarbeit) in einer Herberge
  • abends erfolgt Befragungsrunde/Bildungseinheit zum Heinz-Dilemma (Kohlberg)

„Es war cool gewesen. Die Leute in der Herberge waren voll nett zu uns, was ich eigentlich nicht gedacht hätte. Die Arbeit hat Spaß gemacht, aber am Ende war ich schon ein bisschen erschöpft und habe Sonnenbrand bekommen.“

Mittwoch
  • 30 km-Wegstrecke zur nächsten Herberge mit Denkaufgabe „In welchem Dilemma stecke ich?“
  • eigenverantwortlicher Einkauf (inkl. Planung für vier Mahlzeiten) als Gruppe von zuvor eingesammelten Geld (von einem Mitglied vertrauenswürdig verwaltet & aufbewahrt)
  • Gruppe kocht abends selbst
  • kurze Bildungseinheit

„Der längste und schwerste Tag. Die Aussicht war zweimal genial auf dem Hochstein, aber ab km 20–25 tat mir alles weh und hatte ernsthaft vorgehabt, abzubrechen, doch meine Einzige gab mir Kraft und sprach mir gut zu. Das Einkaufen fand ich sinnlos, da sich die beiden Kasper Chips im Wert von 3–4 Euro geholt haben und das Geld fehlt ihnen jetzt, logischerweise. Die Unterkunft fand ich toll. Kein Christentum in Sicht.“

Donnerstag
  • Ableisten von Arbeitsstunden in der Herberge
  • abends Befragungsrunde zur Ergebnissicherung/Bildungseinheit zu den drei zu beantwortenden Fragen der Pilger im Allgemeinen: Wo komme ich her? Wo stehe ich? Wohin wende ich mich?
  • Gruppe grillt abends

„Ich habe gelernt, nicht nur an mich zu denken, sondern auch die anderen einzubeziehen“
„Heute war ein angenehmer Tag, arbeitsreich aber nicht anstrengend! Man konnte dabei sehr gut über alles nachdenken, was einem zu Hause gerade auf den Kopf fällt, teilweise auch über mögliche Lösungen!“

Freitag
  • Wegstrecke nach Hause (ca. 20 km)
  • Übergabe der Zertifikate, Verabschiedung vom Trainer
  • Übergabe der Gruppe an einen „Paten“
  • gemeinsames Gehen der letzten kurzen Wegstrecke mit einem Paten
  • gemeinsame Verabschiedung

„Durch diese Reise wurde mir klar, dass es mehr im Leben gibt, als stupides ‚Rumgammeln‘. ... Und hier nochmal Dank an Herrn E. Danke, dass sie mich begleitet haben und mich zum Nachdenken angeregt haben. Sie sind ein guter Mensch.“

Weitere Informationen

Das Programm "Zwischen den Zeiten" wurde an verschiedenen Fachtagen vorgestellt, durch wissenschaftliche Begleitung evaluiert und besprochen. Auf internationaler Ebene ist das Programm über das Bischof-Benno-Haus eingebunden in ein ERASMUS+-Projekt "Between ages" von 2016 - 2018 mit verschiedenen anderen Partnern unter Leitung der Fachhochschule Dresden, das ähnliche Ansätze in Belgien, Frankreich und Italien vernetzt,  miteinander ins Gespräch bringt und darüber verschiedene Fachkonferenzen veranstaltet hat.

Materialien zum Download

Veröffentlichungen zum Programm "Zwischen den Zeiten" der Sächsischen Jugendstiftung:

Allgemeine Basisinformation zum Programm und zum Konzeptansatz

Umfassende Grundlagenforschung aus pädagogischer und sozialwissenschaftlicher Sicht, inklusive eines Vergleiches der moralischen Urteilsfähigkeit heranwachsender Straftäter gegenüber gleichaltrigen Teilnehmenden eines Freiwilligen Sozialen Jahres. Inhaltsanalytische Auswertung von 46 Datensätzen mit statistischen Berechnung

Methodische Vorbetrachtung zur geplanten qualitativen Untersuchung in Bezug auf den nachfolgenden Ergebnisbericht

Auswertung von drei Experteninterviews aus den Bereichen Jobcenter, Jugendgerichtshilfe und Justiz. Qualitative Inhaltsanalyse nach Philipp Mayring von 14 Erlebnisberichten Professioneller und Beteiligter

Veröffentlichungen im Rahmen des Projekts "Between Ages. Network of young offenders and NEET" (ERASMUS+):

Intellectual Output 2 (deutsch): Pilgern als Einstieg in einen Prozess der Selbstbegegnung, Selbstfindung und Wahrnehmung von Selbstwirksamkeit

Förderungen

staatsministerium fuer soziales und verbraucherschutz

Das Programm "Zwischen den Zeiten" der Sächsischen Jugendstiftung wird mitfinanziert durch Steuermittel auf der Grundlage des von den Abgeordneten des Sächsischen Landtages beschlossenen Haushaltes.

ErasmusPLUS

Das Projekt "Between Ages. Network of young offenders and NEET" wird gefördert durch die Europäische Kommission über das Programm "ERASMUS+". Weitere Informationen zu diesem Projekt und deren Partner hier.


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